Ein Kinderbuch-Klassiker, der es in sich hat

"Alle nannten ihn Tomate"

von Ursel Scheffler und Jutta Timm

ab 4 Jahren

„Alle nannten ihn Tomate“ - das ist der Titel des im Jahr 2012 im Rahmen der Reihe „Ravensburger Kinderklassiker“ neu aufgelegten Bilderbuches von Ursula Scheffler. Das Kinderbuch hat einen Protagonisten mit einer dicken, roten Nase. Ihr verdankt er seinen ungewöhnlichen Namen. Natürlich heißt der Mann nicht wirklich Tomate. Für die Bewohner der Stadt jedoch klingt sein richtiger Name so fremdartig, dass sie ihn nicht aussprechen können. 

Der Räuber, das muss der Fremde sein!

Mit dem Winter und dem Leuchten der Nase kommen die Gerüchte auf: vom Schnapstrinken sei sie derartig rot. Und mit dem dicken Schal, mit dem Tomate versucht, sich vor der klirrenden Kälte zu schützen, sieht er auch noch aus wie ein Räuber! Als es dann zu einem Banküberfall und einem Juwelenraub kommt, ist schnell klar: das war Tomate. Kaum wird dieser beim Einkaufen identifiziert, läuft er davon. In einem alten, verlassenen Haus findet Tomate Unterschlupf. Er verbringt hier den Winter und versteckt sich vor der Polizei. Als er vor Hunger und Kälte eine Decke, einen Pulli und Kirschen aus einem Keller stiehlt, wird er tatsächlich zum Dieb. Welch ein Glück, dass sich im Frühjahr, als Tomate endlich von der Polizei gefunden wird, die Verbrechen längst aufgeklärt haben. Ein Politiker, der Stadtrat, beschließt, sich um Tomate zu kümmern und ihm zu Arbeit zu verhelfen. Sämtliche Aufgaben, die man Tomate aufträgt, erledigt er gewissenhaft. Schließlich wird ihm eine Stelle als Hausverwalter im Kinderheim angeboten. Schnell gewöhnen sich dessen kleine Bewohner an den Mann mit der roten Nase und entdecken, wie viele tolle Ideen in ihm stecken und welch ein guter Freund Tomate den Kindern ist. 

 

Kein Kinderbuch für Schwarz-Weiß-Maler

Vorurteile, Toleranz, Ausgrenzung, Einsamkeit und das Fremde - dies sind die Themen, die das Kinderbuch „Alle nannten ihn Tomate“ in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Schwarz-Weiß wird in dem Klassiker von Ursula Scheffler nichts gemalt. Tomate, der Fremde, wird von den Kindern als Verbrecher abgestempelt, ohne irgendetwas getan zu haben. Dennoch stiehlt er eines Tages. Das wirft Fragen auf: Sind alle Räuber Verbrecher? Ist jeder Dieb schlecht? Was passiert, wenn man nichts hat? Und auch die Kinder, die sich zunächst der üblen Nachrede schuldig machen, zeigen ihre guten Seiten, als sie endlich Freundschaft mit Tomate schließen. Ursel Scheffler hat mit ihrem Kinderbuch einen Klassiker geschaffen, der das Problem des Andersseins, des Fremden und der Ausgrenzung nicht vielschichtiger behandeln könnte. Untermalt wird die anspruchsvolle Geschichte von den teils fröhlich, teils melancholisch anmutenden Illustrationen von Jutta Timm. Die Vogelperspektive eröffnet dem Betrachter die Möglichkeit, die Geschichte mit Empathie zu begleiten und zugleich mit der nötigen Distanz zu betrachten. Der Leser, aber auch der Vorleser, wird somit auf dem Weg der Reflexion, die bei diesem Buch unabdingbar ist, begleitet. Das Kinderbuch ist dank seiner abwechslungsreichen Sätze, den Ausrufen und Dialogen wunderbar zum Vorlesen geeignet. Vor allem bei kleineren Kindern, deren Welt sich noch sehr klar in Kategorien einordnet und die sich nach klaren Regeln für das soziale Miteinander wünschen, erfordert es einfühlsame Gespräche und gemeinsames Reflektieren.

 

Ursel Scheffler, Jutta Timm: Alle nannten ihn Tomate. Ravensburger, Ravensburg 2012. ISBN 978-3-473-44585-1

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