DAS solltest du deinem Kind NIEMALS sagen!

Von Erziehungsratschlägen und anderen Irrtümern

Kürzlich habe ich mich an Jesper Juuls Bestseller "Dein kompetentes Kind" gewagt und nach vielen Seiten entsetzt abgebrochen. Warum? Weil darin die "Fehler", die wir als Eltern machen, kein Ende nehmen. Vor allem aber, weil das Buch bis oben hin gefüllt ist mit Vorwürfen statt mit konstruktiven und vor allem alltagstauglichen Lösungen. Für mich war das der Auslöser, mit euch meine Gedanken zu einer Einstellung gegenüber dem Elternsein zu teilen, die derzeit die Medien füllt.

 

Experten wie Jesper Juul sind immer wieder im Gespräch. Die Ratschläge dieser erfahrenen Pädagogen lasse natürlich auch ich mir nicht entgehen. Mit den Jahren, die ich nun schon Mutter bin, ist die Empörung über die Art, wie mit uns Eltern in den Medien oft umgegangen wird, allerdings ins Uferlose gestiegen. Anfangs war ich oft einfach nur verunsichert. Dann kam die lange, lange Phase, in der ich felsenfest davon überzeugt war, ich sei eine furchtbar schlechte Mutter. Nicht, weil ich mein Kind schlagen oder es pausenlos anschreien würde - nein, nichts davon. Einfach nur, weil ich GANZ BESTIMMT mal etwas sage, was ihm VIELLEICHT nicht gut tut. Weil ich manchmal sauer bin und es ihm auch sage. Weil ich von ihm verlange, dass er auf mich hört, statt in jeder Situation alles demokratisch auszudiskutieren. Wie es dazu kam, dass ich mein schlechtes Gewissen zu hinterfragen begann? Dafür musste es leider erst gefährlich werden...

Wieso mein Kind auf mich hören muss

Bedingungsloser Gehorsam - das war für mich von Anfang an eine Horrorvorstellung. Ich hatte nie genug Geduld, ihn einfach das machen zu lassen, was er wollte. Dafür war ich immer viel zu besorgt um ihn (auweia, bin ich jetzt ein Helikopter-Mama!!!????). Aber im Großen und Ganzen war mir immer wichtig, dass er versteht, warum er etwas nicht darf. Das führte zu manchmal ziemlich langen Diskussionen und dazu, dass ich bei Wutanfällen wartete und (dank der Erziehungsverunsicherung) nicht wirklich wusste, wie ich reagieren sollte. Nun hatte ich Glück, ein wirklich liebes Kind zu haben, das in der Regel macht, was man ihm sagt. Aber eben nicht immer - und das kann gefährlich werden. Meine Einstellung zum "hören müssen" hat sich ein einem Tag völlig geändert und unsere Familiensituation zugleich vollkommen entspannt.

 

Ich war mit meinem Sohn in der Dämmerung im Park unterwegs, mit anderen Eltern und eher zur späten Nachmittagszeit als am Abend. Plötzlich tauchen aus dem Seitenweg drei Betrunkene auf und kommen auf uns zu - große, bedrohlich wirkende Männer. Ich also will den Anschluss an meine Freunde nicht verlieren und fordere mein Steine sammelndes Kind auf, SOFORT mitzukommen. Ich war ja immer der Meinung, was mir wirklich wichtig ist, kann er von Unwichtigem unterscheiden und hört, wenn es darauf ankommt. Pustekuchen! Statt mit mir zu kommen, fragt er erstmal in aller Ruhe: "Warum?" Ich, Panik in der Stimme: "Das erklär ich dir später. Du musst jetzt unbedingt sofort mitkommen." Natürlich kam er nicht. Er wartete ja erst einmal auf eine ausführliche Erklärung, während die drei düsteren Gestalten immer näher kamen. Also packte ich ihn, was bei einem strampelnden 4-Jährigen nicht gerade leicht war, und schleppte ihn mit. Erst habe ich ihm erklärt, dass ich Angst hatte. Die drei Betrunkenen sind übrigens einfach an uns vorbei gegangen und die Situation hat sich damit ganz harmlos aufgelöst. Aber seit diesem Tag muss mein Kind ERST hören, und zwar ohne Ausnahme, dann kommen Erklärungen. Oder auch mal nicht. Das ist aber für beide in Ordnung. Er ist wesentlich ausgeglichener und merkt, dass er sich auf meine Ansagen verlassen kann (ein Nein ist ebenso ein Nein, wie ein Ja ein ehrliches und vor allem verlässliches Ja ist.)

 

Ich kenne übrigens auch Kinder, die ganz anders funktionieren. Kinder, die Eltern haben, denen das "Nein!" einhalten nicht so wichtig ist und die viel lockerer mit der Erziehung ihrer Kinder umgehen. Diese Kinder sind genauso bedacht, selbstständig, schlau und sozial, wie andere Kinder.

 

Angst machen für sichere Einnahmen

Warum also zweifeln viele von uns ständig an sich und an ihrer Art, mit ihren Kindern umzugehen? Zunächst einmal habe ich festgestellt, dass die Umwelt dazu neigt, ständig zu schauen, was Eltern falsch machen. Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, in der mein Kind etwa drei Jahre alt war. Obwohl es ruckelte und schuckelte und ich ihn mehrfach aufforderte, sich hinzusetzen, weigerte der kleine Trotzkopf nicht. Also sagte ich, wenn er sich nicht hinsetzt, muss er halt laufen. Gesagt, getan. An der nächsten Haltestelle sind wir ausgestiegen und er musste mit seinen drei Jahren fast drei Kilometer bis zur Kita laufen. Ich kann nur eins sagen: Seitdem sitzt er gern. Aber die Blicke, die ich dafür geerntet habe, waren unglaublich. Ich hatte echt Angst, jetzt würde jemand das Jugendamt informieren. Dass ich die Verantwortung dafür trage, dass mein Kind auch in der Straßenbahn unversehrt bleibt und sich nicht beim Stürzen den Kopf aufschlägt, davon war an dieser Stelle natürlich keine Rede. Glücklicherweise war ich mir in dieser Situation sicher, dass ein wenig laufen meinem Kind nicht schaden würde.

 

Kritisieren und Angst machen funktioniert also super. Mal ehrlich, wer von uns hat keine Angst davor, eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater zu sein??? Also bleiben wir bei Überschriften wie "Das dürfen Sie ihrem Kind niemals sagen!", "Was Sie UNBEDINGT meiden sollte", "So reagieren Sie richtig" wie gebannt hängen. Richtig toll finde ich auch Wörter wie "Erfolge", "Schwierigkeiten" und "Probleme" im Zusammenhang mit der Erziehung. Gemeinsam wachsen, zusammen leben, lieben, streiten, vertragen - Normalität - ist dabei ganz weit entfernt. Schade. Dabei kann das Leben mit Kind doch auch einfach fließen, schön sein und auch die Eltern zum sich Entwickeln einladen, oder nicht? Ganz gewiss ist, dass sich Erziehungsratgeber und E-Books, die den Eltern vermeintlich "richtige" Verhaltensweisen antrainieren richtig gut verkaufen. Versteht mich nicht falsch, ich lese Ratgeber sehr gern und manche sind sehr sinnvoll. Aber die, die Eltern ständig ein schlechtes Gewissen machen statt sie zu stärken und zum Reflektieren einladen, die Eltern erzählen, sie können nur alles falsch machen, weil sie ja auch mit schlechten Vorbildern aufgewachsen sind, die will ich einfach nur in die Ecke feuern. Ich persönlich finde es nämlich ganz schön frech, wenn mir jemand vorwirft, ich wäre unreflektiert und zum Lernen zu dumm. Klingt hart? Na ja, ist es doch aber auch, oder?

Geht "Elternerziehung" auch positiv?

Für die Kindererziehung wird immer wieder empfohlen, nicht das Wort NICHT zu verwenden. Wenn es so tolle Alternativen gibt, frage ich mich, warum die nicht für die Elternerziehung eingesetzt werden. Statt aber wirklich hilfreiche Ratschläge zu geben, wird unentwegt herumkritisiert. Denn eines ist in der Erziehung gewiss: Richtig machen es Eltern auf keinen Fall. Leider kann man das auch unter Eltern oft beobachten. Ständig wird verglichen und sprießt ein Sproß nicht so, wie er sollte, ist das kein Wunder bei den Fehlern, die die Eltern machen! Ich habe vor einigen Jahren auf die Frage, wie man es denn irgendwie richtig machen könne von einer Erzieherin die Antwort bekommen "Einfach nur lieb haben!" Bei mir ist dieser Satz zum Erziehungmotto geworden. Mein Kind muss auf mich hören. Da bin ganz und gar Diktator-Mutter. Aber es weiß, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit Kuscheln angesagt ist, dass ich nachts aufstehe, auch wenn es einfach nur umarmt werden will und dass ich wie eine Löwin kämpfe, wenn es gilt, sich für ihn einzusetzen. Schön fände ich, wenn diese Seiten des Elternseins unterstützt werden würden und Mut, Zeit und Hingabe mehr Beachtung in der Erziehungsdiskussion finden würden, statt die Angst, Unsicherheit und Ratlosigkeit von Eltern auszunutzen und damit bestenfalls auch noch Geld zu machen.

 

Gute Ratschläge finde ich übrigens immer wieder bei den Erziehungstipps auf der Seite rund-ums-baby. Hier antwortet die Sozialpädagogin Sylvia Ubbens auf Fragen und Sorgen rund ums Thema Erziehung. Man muss nicht immer mit den vorgeschlagenen Lösungen einverstanden sein, aber Frau Ubbens zeigt meines Erachtens nach viel Sachverstand, Einfühlungsvermögen und vor allem Alltagsnähe - und das ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

 

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