Kinderbuch: Lenchens Geheimnis

von Michael Ende und Jindra Čapek

Bildquelle: Thienemann Verlag
Bildquelle: Thienemann Verlag

 

Mit fast sechs Jahren hat mein Kind plötzlich entdeckt, dass man auch "Nein!" sagen kann. Einfach so. Ganz klar und deutlich. "Geh bitte Zähne putzen." "Nein." Äh, oh je. Und nun? Na ja, reden wir mal drüber. Die Antwort: "Du machst ja auch nicht, was ich sag." Ja, da haben wir das Dilemma. Das stimmt natürlich. Und das ist ja auch irgendwie ungerecht, oder nicht? Wie gut, dass uns da mal wieder genau zum richtigen Zeitpunkt das richtige Kinderbuch in die Hände gefallen ist! 

 

Wenn Eltern einfach nicht hören wollen...

Lenchen, die Protagonistin aus "Lenchens Geheimnis", versteht nicht, warum ihre Eltern einfach nicht "folgsam" tun, "was sie von ihnen verlangt[...]". Da kann nur noch eine Fee helfen. Wie gut, dass sie nach einigem Suchen die Fee Franziska Fragezeichen findet und die auch noch helfen kann. Von ihr erhält sie Würfelzucker, den sie ihren Eltern heimlich in den Tee gibt. Nachdem ihre Eltern den Tee getrunken haben, verkleinern sie sich jedesmal um die Hälfte, wenn sie ihrer Tochter widersprechen. Problem gelöst! Lenchen kugelt sich vor Lachen und die Eltern versuchen, sich jeden Widerspruch zu verkneifen. Lenchen kann nun endlich Fernsehen wann und was sie will, muss sich nicht waschen, nicht die Zähne putzen und kann endlich im Elternbett schlafen, weil die Eltern hier ja sowieso nicht mehr hinein passen. Was anfangs urkomisch ist, wird jedoch nicht nur für die Eltern, sondern auch für Lenchen zunehmend bedrohlicher. Sie stellt fest, dass Eltern für so einiges gut sind und sucht erneut die Fee Franziska Fragezeichen auf. Nun muss Lenchen sich entscheiden - mit den immer kleiner werdenden Eltern leben oder selbst aufhören zu widersprechen? Wie gut, dass am Ende alle Vernunft annehmen und die Familie einen guten Mittelweg findet, mit dem sie harmonischer und Lenchen etwas selbstbestimmter zusammenleben können. 

 

Ein Kinderbuch zwischen Ernst und Komik

Das Bilderbuch "Lenchens Geheimnis" stellt den von Lenchen als einengend empfundenen Alltag einer Phantasiewelt gegenüber, in der sich die Zeit zurückdrehen lässt und in der sich die Menschen in ihrem Verhalten ändern lassen. Was anfangs sehr komisch wirkt und dem Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubert, wird zunehmend ernster. Die Komik wird durch Spannung ersetzt und das Ende der Geschichte ist nicht so vorhersehbar, wie man im Laufe des Kinderbuches vielleicht annehmen mag. Anstatt zu belehren, überlässt der Autor Lenchen selbst die Entscheidung, wie sie leben möchte und die Eltern bleiben keine starren Autoritäten, sondern sind durchaus in der Lage, sich zu entwickeln und Zugeständnisse zu machen. Die Illustrationen des berühmten Illustrators Jindra Capek vermögen es, den Wechsel zwischen Realität und Phantasie gefühlvoll in Bilder zu fassen und machen die Bedrohlichkeit der Situation kindgerecht fassbar. 

 

Michael Ende, Jindra Čapek: Lenchens Geheimnis. Thienemann, Stuttgart / Wien 1991. 

 

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