Ein Plädoyer für die grobmotorischen Jungs

Gedanken zum Thema Feinmotorik

Die Feinmotorik müsse man gerade bei Jungen, die sich in der Schule beim Schreibenlernen so viel schwerer tun als Mädchen, unbedingt bei Zeiten fördern - heißt es oft. Als frischgebackene Mutter habe ich daran so felsenfest geglaubt, wie ich es aus dem Mund vieler Erzieher gehört und in vielen Ratgebern und Artikeln gelesen habe. Nun, ganze 6 Jahre später haben sich langsam aufkeimende Zweifel in echte Empörung verwandelt. Meine erst unangenehme Begegnung mit der Feinmotorik hatte ich, als mein Kind gerade fünf Jahre alt geworden war. Bei einem Gespräch mit einer (wie sich später gezeigt hat nicht sehr kompetenten und schon gar nicht empathischen) Vorschullehrerin legte diese mir nahe, mit meinem ach so grobmotorischen Jungen doch auch mal zu kneten. Hm, im Grunde hatte sie recht. Kneten ist was Tolles. Der Haken daran - mein ach so grobmotorischer Junge hat bereits mit einem Jahr geknetet, was das Zeug hält. Er hat auch alles andere gemacht, was man für die Feinmotorik so tun soll - malen, basteln, kleine Teile sortieren, kleine Bausteine zusammensetzen usw. Trotzdem ist mir im Laufe der Jahre immer wieder das Kommentar untergekommen, mit dem Jungen müsse man doch mal an der Feinmotorik arbeiten. Meine Einwände, dass er sich stundenlang fürs Basteln, Backen, Kneten und vieles mehr interessieren kann und mit Feuereifer auch die kleinsten Legoteile zusammensetzt, wurden nie ernst genommen, sondern eher als das Geschwätz einer übereifrigen Mutter abgetan. Klar ist, die Resultate, die wir beim Kneten erzielen, sind ganz sicher nicht die, die so manches Mädchen, das wir kennen, zu herzaubern. Statt filigraner Figuren entstehen grobe Gestalten und wilde Landschaften:

 

.

 

Das Problem an den Kreativarbeiten vieler Jungs ist, wie ich mittlerweile denke, dass sie von Frauen erzogen werden. Unser Ästhetikverständnis ist ein anderes und es fällt uns mitunter vielleicht schwer, die Schönheit in solch wilder Ausdruckskraft zu entdecken. Vor Kurzem hatte ich Besuch von einer lieben Freundin, die einen phantastischen Sohn hat. Beide meistern die Anforderungen an ihren oft schwierigen Alltag mit bewundernswerter Lockerheit. Als das Kind malte - groß und, wie mein Sohn oft auch, mit vielen dunklen Farben - fiel allerdings das Wort "Grobmotoriker" und mir wurde klar, wie oft wir die Kreativität unserer Jungs dadurch einschränken, dass wir ihnen feinmotorische Fähigkeiten aufzwängen wollen, die einfach nicht ihrer Entwicklung entsprechen und, wenn ihr mich fragt, auch gar nicht entsprechen müssen. Klar, Jungs müssen mit dem Schulsystem klar kommen und genauso Lesen und Schreiben lernen wie Mädchen. Fangen wir aber einmal an, wirklich von Chancengleichheit, von kindgerechtem Lernen, von Respekt der Entwicklung, der Gefühlswelt und der Kreativität der Kinder zu sprechen, sollten wir jedoch vielleicht die Methoden und die Anforderungen in Frage stellen. Ich selbst beobachte mich nun genauer, wenn ich mit meinem Kind bastle oder male. Ich lobe mehr und schießt mir Kritik in den Kopf, beiße ich mir erstmal auf die Zunge und frage mich, ob das wirklich etwas mit dem zu tun hat, was mein Sohn gerade macht oder auf meinen eigenen, verbogenen und verzogenen Vorstellungen davon, wie etwas angeblich auszusehen hat, beruht. Das Ergebnis: mein Kind verliert nicht mehr so schnell die Lust, wenn wir gemeinsam basteln und mir eröffnet sich eine ganz neue Welt der Phantasie. 

 

Bei all dem geht es mir übrigens nicht um Kinder, die tatsächlich mit Einschränkungen oder Entwicklungsverzögerungen leben müssen und andere Förderungen benötigen - wobei auch diese, finde ich, oft viel mehr Lob und Anerkennung verdient hätten.

 

 

In diesem Jahr hatten wir übrigens das Glück, auf eine sehr tolerante, empathische und ideenreiche Grundschullehrerin zu treffen, die eine prima Lösung für "grobmotorische" Jungs (und Mädchen!) parat hatte: statt Blätter mit feinen, kleinen Linien, in die die Buchstaben passen mussten, hat sie den Kindern einfach weiße Blätter gegeben und gemeint, sie sollen einfach drauflos schreiben. Schreiben, wie ihnen die Hand gewachsen ist. Das Schönschreiben könne später kommen, denn das Schreiben an sich zu lernen, ist schon schwer genug und das Wichtigste daran ist, den Spaß nicht von vornherein zu bremsen. Das Ergebnis ist erstaunlich - am Schuljahresende der ersten Klasse konnten alle Kinder ihren Eltern stolz ein eigenes Dino-Buch präsentieren, in dem sie auf jeder Seite bereits selbst mit viel Spaß Sätze zu Dinosauriern geschrieben und sie mit passenden Bildern bestückt hatten. So fällt auch Kindern, deren Feinmotorik nicht ganz so sehr ausgeprägt sein mag, das Schreibenlernen leicht und sie verlieren keine Lust an der Schule und am Lernen. 

 

Die Figuren, die ihr in diesem Artikel seht, sind übrigens mit Modelliermasse entstanden, wie wir sie auch für unseren Vulkan verwendet haben.