Anschlag in Barcelona: Wie gehe ich in der Familie damit um?

Wäre heute ein normaler Tag, würde ich jetzt hier sitzen und euch einen Blogpost über ein zauberhaftes Piratenbuch schreiben. Aber heute ist für uns kein normaler Tag. Gestern, am Nachmittag, haue ich gerade wie verrückt in die Tasten, als mich jemand anstupst und mir sein Handy vor die Nase hält. "Du, schau mal, ich glaub aber, das kann nicht sein!" Ich gehe sofort auf Twitter und schau mir den Kanal der Polizei an. 

 

Die Polizei bestätigt, was wir gerade gehört haben. Auf den Ramblas ist ein Lieferwagen in die Menschenmenge gefahren. Mein erster Gedanke ist, dass das nur ein Unfall gewesen sein kann. Die Ramblas sind im Sommer so überfüllt, dass den Autos, die links und rechts davon vorbei müssen, wenig Platz haben und ständig auf die Fußgänger aufpassen müssen. Wie oft haben wir erlebt, dass Touristen hier einfach jede Verkehrsregel missachten, betrunken mitten auf der Straße torkeln und den Autofahrern trotz roter Fußgängerampel lachend vor das Auto laufen! Da wäre es gut vorstellbar, dass einfach ein Unfall passiert ist. Weil wir keine weiteren Informationen haben, ist das auch das erst, was ich meinem Kind sage, als es wissen will, was passiert ist: Es war ein Unfall. Glücklicherweise ist mein Kind gerade nicht hier und erlebt nicht, wie sich in den nächsten Minuten sein Zuhause in einen Ausnahmezustand verwandelt. Den ganzen Nachmittag, bis in die Nacht hinein hören wir die Hubschrauber über unserem Haus, die Sirenen heulen, unten hören wir die Krankenwagen vorbeifahren. Wenn ein Kind eine solche Situation miterlebt, kann man nicht so tun, als wäre nichts. Kleine Kinder kann man ablenken, aber schon Sechsjährige spüren genau, dass etwas los ist. In der Situation selbst, kurz nach dem Anschlag, ist aber nicht Reden, sondern erstmal die Ruhe bewahren angesagt. 

 

Den Fernseher aus lassen!

Einen pauschalen Rat, wie ihr mit euren Kindern umgehen könnt, wenn ein Terroranschlag in eurer Stadt ausgeübt wird oder wurde, kann ich euch nicht geben. Ich kann euch nur erzählen, wie wir die Situation erleben und was wir für uns daraus gelernt haben. Für alles andere sind Fachleute - Psychologen und Pädagogen - zuständig. Trotzdem finde ich es wichtig, darüber zu reden, wie man in der Familie mit solchen Ausnahmezuständen umgehen kann, für die letztendlich doch jeder seinen eigenen Weg finden muss. Ein paar Sachen helfen aber sicher jedem, den Schock zu überwinden. Eine davon ist, den Fernseher auszulassen, wenn Kinder im Haus sind. Da meines gerade weit weg seine wohlverdienten Ferien genießt und ich wohl das erst Mal überhaupt froh bin, es gerade nicht bei mir zu haben, schalten wir den Fernseher an. Das, was wir zu sehen bekommen, würde ich keinem Kind - egal, ob 7 oder 17 Jahre alt - zumuten. Menschen, die in Panik durch die Straßen stürzen, ein blutender Verletzter, dessen Fuß merkwürdig verdreht vom Bein baumelt, ein Frau, die panisch in die Kamera schreit. Das ist auch mir zu viel und ich gehe weg. Wer Kinder im Haus hat, sollte sie vor solchen Bildern schützen und selbst die Ruhe bewahren. Natürlich will man wissen, was passiert ist und die Nachrichten verfolgen. Das macht man aber am besten über die offiziellen Medien -und zwar über zuverlässige!

 

Zuverlässigen, offiziellen Medien folgen

Statt inmitten des Schocks Gerüchten auf sozialen Medien zu folgen, zuzulassen, dass die Sensationslust anderer die eigene Angst und Verwirrung schürt, ist bestimmt nicht sinnvoll. Ich lasse daher erstmal alles aus. Die einzigen Kanäle, auf denen ich die Neuigkeiten verfolge, ist der offizielle Polizeikanal und eine zuverlässige Tageszeitung, die ich wegen ihren gut recherchierten Nachrichten schon lange lese. Auch die Polizei bittet auf ihrem Kanal darum, nur den offiziellen Medien zu folgen. Die Arbeit und die Kommunikation der Polizei ist hier in Barcelona beispielhaft. Wir werden alle sofort gebeten, zu Hause zu bleiben und vor allem, keine Bilder vom Unglücksort im Internet zu verbreiten. Die ersten Nachrichten von Freunden kommen herein, die berichten, in Sicherheit zu sein. Währenddessen sind die ersten Sensationslustigen dabei, Videos im Internet zu verbreiten. Bitte, wenn ihr jemals Zeuge eines Terroranschlags werdet - verbreitet KEINE BILDER UND KEINE VIDEOS im Netz! Darum bittet hier in Barcelona auch mehrfach die Polizei - leider erfolglos. Uns erreicht wenig später ein Video: Polizisten, die mit hoch erhobener Waffe durch die Straßen streifen, in Hauseingängen verschwinden, Menschen bitten, aus der möglichen Schusszone zu verschwinden. Wer solch einen Polizeieinsatz filmt, verbreitet nicht nur noch mehr Angst (echt, das ist nicht nötig, die haben die Menschen schon!), sondern gefährdet auch das Leben der Polizisten, die am Einsatz beteiligt sind. Denn auch die Täter verfolgen die sozialen Medien. Sie sind auf der Flucht und erhalten durch solche Aktivitäten wertvolle Hinweise, die ihnen bei der Flucht helfen. 

 

Die Telefonleitungen freigeben

Uns erreichen schnell Nachrichten mit der Frage, ob wir ok sind und natürlich wollen wir Freunde und Familie wissen lassen, das wir in Sicherheit sind. Gerade heute noch wollte ich zum Plaza Catalunya, zum Corte Ingles, der dafür bekannt ist, dass man in ihm alles findet, was man sonst nirgendwo bekommt. Obwohl die Ramblas und der Plaza Catalunya für mich fußläufig erreichbar sind, hat mich mal wieder eine Einkaufs-Phobie davon abgehalten, hierhin zu gehen. Das wissen aber meine Freunde und meine Familie nicht, also antworte ich auf jede Nachricht einzeln. Was man vermeiden sollte, ist das Telefonieren. Hier sind schon kurz nach Bekanntwerden des Anschlages die Telefonleitungen kollabiert - fatal für alle, die den Notruf tätigen müssen oder die Polizei mit hilfreichen Hinweisen zum Täter versorgen können. In diesem Fall haben soziale Medien einen riesigen Vorteil. Facebook hat für solche Fälle den Safety Check eingerichtet und ihr könnt hier ganz einfach angeben, in Sicherheit zu sein. Außerdem könnt ihr hier schauen, ob es allen gut geht, die ihr in der betroffenen Zone kennt:

 

Keine Angst schüren!

Als das Schlimmste vorbei zu sein scheint, machen wir erst einmal eins: Wir gehen auf die Straße! Mit Kind hätte ich das sicher vermieden, aber die Lage ist gesichert und wir gehen in die dem Stadtzentrum entgegengesetzte Richtung. Natürlich nähern wir uns dem Ort des Geschehens nicht. Überall hören wir noch die Sirenen, unaufhörlich fahren Krankenwagen und die Feuerwehr an uns vorbei. Wir treffen mit unseren Freunden zusammen und genießen ein paar feste Umarmungen. Viele Menschen eilen in die Krankenhäuser, um Blut zu spenden. Wir erobern uns indessen unsere Stadt zurück, indem wir durch die Straßen streifen, den Duft der Stadt einatmen und mit unseren Lieben zusammen sind. Mittlerweile werden die ersten offiziellen Zahlen bekannt:

 

 

Traurige Bilanz des Terroranschlags in Barcelona sind 13 tote, 15 schwer verletzte, 23 weniger schwer verletzte und 42 leicht verletzte Personen.

 

Wir sind in Gedanken bei all jenen, die betroffen sind und drücken unsere Anteilnahme aus!

 

Die Reaktionen auf den Anschlag

Heute morgen hat die katalanische Zeitung ara.cat den folgenden Titel publiziert:

 

Bildquelle: ara.cat
Bildquelle: ara.cat

"Ohne Angst. Barcelona ergibt sich dem Terror nicht."

 

Es tauchen Artikel auf, die genau diese Haltung unterstreichen: Ohne Angst gegen die Angst angehen und auf keinen Fall zulassen, dass die Angst den Alltag und die Beziehung zu anderen Menschen vergiftet! 

 

Keine Islamophobie zulassen und Vielfalt leben!

Jede Religion kennt den Terror und hat ihn gelebt und verursacht - die christliche genauso wie die islamische. Ich bin nicht religiös, aber ich glaube an die Glaubensfreiheit. Mir ist Wurscht, wie der Berliner so schön sagt, ob und an welchen Gott andere glauben. Was mich interessiert, ist, ob jemand Respekt und Toleranz gegenüber anderen zeigt.  In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es Atheisten, Christen und Muslime und alle sind sie mir gleich lieb. Mein Kind spielt mit vielen Kindern anderer Nationen und noch nie hat es abwertende Kommentare über die Andersartigkeit seiner Altersgenossen abgegeben. Noch nie! Egal, ob seine Spielkameraden eine dunklere Hautfarbe oder asiatische Gesichtszüge haben, sich anders kleiden, anders essen, anders sprechen oder von anderen ausgegrenzt werden! Und wir werden auch nicht zulassen, dass der Terror das ändert! Wir versuchen, die Vielfältigkeit zu leben und viele Fragen zu stellen: Welche Feiertage sind für euch wichtig? Wie feiert ihr in deiner brasilianischen Heimat den Karneval? Wie lebt ihr den Ramadan? Für uns ist diese Vielfältigkeit ein Gewinn und ich bin dankbar dafür, dass mein Kind die Gelegenheit hat, schon in so jungen Jahren in andere Kulturen eintauchen zu dürfen. Für mich ist dies ein Weg, mein Kind zu einem toleranten, offenen Menschen zu erziehen, zu jemandem, der viele Lebensformen und Kulturen kennenlernt und dadurch hoffentlich nie selbst zum radikalen Menschen wird - denn daraus entsteht Radikalismus letztlich - aus dem Glauben, andere seien schlechter als man selbst und nur das, was man selber glaubt, habe seine Berechtigung - durch alle Religionen und durch alle Länder hinweg.